1791 - Ein trauriges Jahr

Josepha war ein allerliebstes Schatzemoggele und bald der Augapfel meiner Eltern. Zunehmend der Mittelpunkt der Familie brachte sie eine Menge Leben in unserer Wohnung. Obwohl ich als ledige Mutter beträchtlich an Ansehen einbüßte und in gewisser Hinsicht eine Ächtung erfahren mußte, was anfangs verflixt schmerzte - stellt Euch doch nur das Spießrutenlaufen bei meinen Einkäufen vor - so war ich doch eine sehr stolze Mama und streckte den scheinheiligen Moralaposteln insgeheim und nach Kräften die Zunge heraus. Mein Leben verlief nun in deutlich ruhigeren Bahnen, jede Mutter kennt das. Josepha wuchs zu einem gesunden und liebenswerten Mädchen heran und sorgte für die üblichen Freuden und Sorgen.

Wolfgangs letztes Portrait, München 1790, von Johann Georg Edlinger Am 28.Oktober 1790 kam mein berühmter Vetter für eine einzige Nacht ganz heimlich in unsere Stadt, ohne Ankündigung und ebenfalls ohne uns zu besuchen. Noch nicht einmal eine kurze Nachricht ließ er uns zukommen. Sein Desinteresse kränkte mich zutiefst. Verachtete er mich dermaßen? Hatte er mich am Ende vollständig aus seiner Erinnerung getilgt? Oder gab es vielleicht etwas in seinem eigenen Leben, was ihn davon abhielt, vor unsere Augen zu treten? In der Zeitung lasen wir so gut wie nichts mehr über ihn. Ob ich ihn wohl erkannt hätte, wenn er zu mir gekommen wäre?

Nur vier Jahre nach dem Tod seines ältesten Bruders Leopold ging mein lieber Papa von uns und wurde am 14.Juni 1791 zu Grabe getragen. Er fehlte uns schrecklich, er fehlte an allen Ecken, und die kleine Josepha weinte sehr nach ihrem Großpapa. Nun waren wir drei Frauen allein, dreiundsechzig, zweiunddreißig und sieben Jahre alt. Was sollte aus dem Betrieb werden? Eine Ehe mit einem jüngeren Gesellen lehnte Mama ab. Ihr staunt, nicht wahr? Aber dies war durchaus üblich für eine Meisterwitwe, einerseits um den Betrieb zu erhalten und andererseits einem Gesellen zum Meistertitel zu verhelfen. Papas Geschäfte führten stattdessen nun Onkel Ignaz weiter bzw. sein Sohn, Vetter Michael, beide ja selbst Buchbindermeister.

Dann, noch immer in Trauer gekleidet, erfuhren wir im Dezember die unfassbare Nachricht von Wolfgangs Tod. Ein Schock! Es ging mir einfach nicht in den Kopf. Mein Gott - warum? Und so plötzlich! Dieser wie ich so lebenslustige Mensch sollte unsere Erde verlassen haben? Es war unbegreiflich. Wie alt war er geworden, fünfunddreißig?! Welch ein Verlust! Nun würde niemand mehr solche unbeschreiblich schöne Musik schreiben und spielen. Leider hatte ich nie gewusst, wie es ihm in den letzten Jahren ergangen war. Wie viele Kinder hatte er? War er glücklich gewesen? Oder hatten ihn Sorgen gedrückt? Und seine Musik? Ich hatte - nicht sehr oft - von neuen Opern gelesen, Le Nozze de Figaro, dann ein ungewöhnlich dramatisches Werk in Prag - Don Giovanni, ja, und erst vor kurzem Die Zauberflöte. Ach ich hoffte, er war irgendwie zufrieden gewesen, ich gönnte es ihm von Herzen. Ich gestehe, ich weinte um meinen geliebten Cousin mehr und länger, vor allem anders als um meinen Papa. Nun würde ich ihn wahrhaftig nie mehr wiedersehen, meinen Wolfgang Amadé Rosenkranz, Edlen Ritter von Sauschwanz. Es blieben mir von ihm nur noch seine Briefe. Und sein Portrait.

Die Briefe schickte ich später auf ihr Gesuch hin seiner Witwe Constanze. Es hieß, für seine geplante Biographie trage sie soviel Material wie möglich zusammen. Allein um seines Andenkens Willen überließ ich sie ihr vollständig, was ich später bereute, aber nicht mehr ändern konnte. In dieser angekündigten Biographie, die sie erst dreißig Jahre später zusammen mit ihrem zweiten Ehemann veröffentlichte, wurde Wolfgang Mozarts Bäsle allerdings mit keiner einzigen gescheiten Silbe erwähnt. Bald wurden die Briefe zwischen ihren Söhnen aufgeteilt, und der ältere, Karl, soll sogar geplant haben, sie wegen "ihres obszönen Inhalts dem Feuertod zu übergeben" - um das Ansehen seines Vaters nicht zu beschädigen. Meine Güte!



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