Meine Tochter und ihr Vater

Am 22.Februar 1784 brachte ich morgens kurz vor zehn bei uns zu Hause ein Mädchen zur Welt - Maria Josepha. Man kann sich die elendige Tratscherei leicht vorstellen, denn ich war ja nicht verheiratet und außerdem eine Mozart. Eine ledige Mutter zu sein bedeutete ein beträchtlicher Makel, und es war vor allem in der ersten Zeit sehr schwer für mich und meine Eltern, die, wenn auch nicht gerade begeistert, trotz allem immer zu mir hielten. Heute kaum noch vorstellbar, wurde damals die Geburt illegitimer Kinder mit hohen Geldstrafen belegt, und meist traf es die Frauen allein. Auch wir - er und ich - bekamen ganz offiziell 72 Gulden Strafe aufgebrummt, während meine Hebamme, die die Geburt nicht gemeldet hatte, mit einer Rüge davonkam. Es war schon ein ordentlicher Skandal, der uns alle lange Zeit sehr belastete und mein Leben von Grund auf änderte. Meinen Eltern war ich zutiefst dankbar, dass sie mich nicht fortjagten, wie es den meisten Mädchen widerfuhr. Ich durfte zu Hause bleiben und dort mein Kind großziehen.

Mein Kind wurde noch am gleichen Tag in der Stiftskirche Heilig Kreuz getauft. Diese Kirche befand sich ja gleich am unteren Ende der Jesuiten- bzw. Kohlergasse, und unsere Familie war dort ebenso beheimatet wie im Dom. Ins Taufbuch konnten natürlich weder meine Identität noch die des Kindsvaters eingetragen werden - er war Domherr, und ich trug einen berühmten Namen. Na, da habe ich halt ein wenig geschwindelt und "Maria Anna Trazin" bzw. "Ludwig Reiber" (später mit "Louis de Berbier" überklebt) registrieren lassen. Selbstverständlich war die Geistlichkeit über den Eklat bestens informiert, und schon bald erschien im Taufbuch eine "aufklärende", mein bescheidenes Incognito aufhebende Randnotiz, sowohl in Heilig Kreuz wie auch in der Dommatrikel, zu deren Sprengel wir gehörten. Ja, ganz recht! Mein kleines Mädele ist quasi zweimal getauft worden. Na, wenn das nichts ist!

Josephas Vater war Theodor Franz de Paula Maria Freiherr von Reibeld, geboren 1752 in Mannheim. Er hatte mir oft von seiner Familie erzählt und seinen drei Brüdern - er selbst war der zweitjüngste. Die beiden älteren mischten bereits wie ihr seliger Vater kräftig in der kurfürstlich-pfälzischen Politik mit, während der jüngste eine militärische Laufbahn bei der Bayerischen Kavallerie anstrebte. Ich erfuhr von dem erstaunlichen Aufstieg seines schon vor 10 Jahren verstorbenen Vaters Joseph Anton, der, ein Bauernsohn, als Jurist eine rasante Karriere am Kurpfälzischen Hof bis hin zum Geheimen Staatsrat und Kanzler hingelegt hatte, wofür er schon relativ jung in den Adelsstand erhoben worden war. Als Lohn für erfolgreiche Verhandlungen für Prinz Clemens Wenzeslaus von Sachsen, den Fürstbischof von Augsburg, hatte er für einen seiner Söhne die Vergabe eines Kanonikates in Augsburg erhalten.
Der alte Augsburger Dom, ganz links die Residenz von Baron von Reibeld
Bereits mit vierzehn Jahren hatte Franz von Reibeld bei St.Viktor in Mainz seine geistliche Laufbahn begonnen, mit sechzehn nahm er unter Protektion von Clemens Wenzeslaus das Jurastudium an der Universität Mainz auf, das er zwanzigjährig 1772 in Heidelberg mit der Promotion abschloss. Auch er ein heller Kopf. Kurz darauf trat er in Augsburg das Kanonikat an und 1780 dem Domkapitel bei. Obwohl er dem Senat des Fürstbischofs angehörte und als Mitglied der Diözesanregierung in der Stadt eine hochgestellte Persönlichkeit war, hatte er ob seines Adelstitels und Standes keineswegs abgehoben. Im Gegenteil, Dr.jur. war mit der bürgerlichen Welt bestens vertraut und interessierte sich insbesondere für das Schulwesen im Territorium des Domkapitels - und das kannte ich einigermaßen. Im Geburtsjahr unserer Tochter übernahm er die Oberaufsicht darüber, sowie das Amt des Oberpflegers der Waisenkasse. -- Das Foto zeigt den Ostchor des Domes und links von Reibelds Residenz. Zwischen den Häusern rechterhand ging es in die Jesuitengasse hinein.

Das persönliche Wappen des Freiherrn von Reibeld Gebt es ruhig zu, Ihr habt Euch Reibeld doch als vergeistigten, drögen Kuttenträger vorgestellt, nicht wahr? Weit gefehlt. Sein Leben lang war er ein engagierter, tatkräftiger Mann. Angesichts der später anrückenden französischen Truppen wurde es zeitweise sogar richtiggehend abenteuerlich. Nun ja. Auf alle Fälle saßen wir häufig in seiner Residenz im Schatten des Domes zusammen und hatten uns immer eine Menge zu erzählen, wobei natürlich auch viel gelacht wurde. Gelegentlich kam er nach Heilig Kreuz, um eine von Wolfgangs Messen zu hören. Jawohl, wir mochten einander und Himmelsakra! Für mich war er halt ein Mann. Es ist müßig zu spekulieren, was aus uns geworden wäre, hätte er sich nicht gerade für dieses Lebensprinzip entschieden. Jedenfalls hat er sich mir gegenüber den Umständen entsprechend großzügig und sehr anständig verhalten. Zur Geburt seines "Baroneßchens zur Linken" überschüttete mich der 31-Jährige mit Geschenken und sorgte auch weiter gut für uns.

Einen erhobenen Zeigefinger aus Salzburg konnten wir allerdings nicht gebrauchen, und so erfuhr Onkel Leopold von dieser Geschichte glücklicherweise erst ein Jahr später während eines seiner alljährlichen Faschingsbesuche in München, ausgerechnet von den Taverniers.Tja, irgendwann musste es ja herauskommen. Sicher hat er es Wolfgang brühwarm weitererzählt. Dessen Kommentar dazu möchte ich lieber nicht wissen, hatte ihm sein Papa nicht schon vor Jahren von mir als einem "Pfaffenschnitzl" gesprochen? Über meine früheren Verehrer Feigele und Schmidt soll er sich jedenfalls herabsetzend geäußert haben.

Johann Friedrich Schmidt war ein gemeinsamer Bekannter aus Augsburg, der später nach Wien ging und Anfang 1781 Direktor des Lekturkabinetts in der Buchhandlung des Johann Thomas von Trattner wurde. Möglicherweise hatte er meinen Cousin bei den von Trattners eingeführt.
Karl Bernhard Feigele, nur ein Jahr jünger als ich, kam aus Kempten im Allgäu und war während seines Ende 1777 begonnenen Jura-Studiums in Salzburg ein häufiger und gern gesehener Gast bei meinem Onkel, wo ich ihn Anfang 1779 ebenfalls das erste Mal traf. Bereits damals hatte er sich in mich verliebt, was er jedoch der besonderen Umstände wegen geheim hielt, bis wir uns 1782 in München wiedersahen und einander näher kamen. Eins jedoch kann ich Euch versichern, er machte Wolfgang nasenmäßig ernsthafte Konkurrenz!



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