Oktober 1777 - Wolfgang

Für Oktober 1777 hatte sich wichtiger Familienbesuch angekündigt. Tante Anna und Cousin Wolfgang wollten, von langer Hand geplant, von München her nach Augsburg kommen. Onkel Leopold hatte leider unabkömmlich in Salzburg bleiben müssen, und die Nannerl war gleichfalls nicht mit von der Partie.

Augsburgs alte Reichsabtei St.Ulrich und Afra und das Rote Tor Wer von München nach Augsburg hereinwollte, kam immer durch das Rote Tor - siehe Foto - so auch meine Verwandten. Links die prächtige alte Reichsabtei St.Ulrich und Afra, in dessen Prälatur Wolfgang und ich uns wenig später über einen Pater lustig machten.

Sofort nach ihrer Ankunft am 11.Oktober in dem Gasthof "Weißes Lamm" gleich bei uns ums Eck, und ich glaube, es war Samstagabend, kamen sie noch zu uns herüber. Es war wirklich Liebe auf den ersten Blick, und als hätten wir uns erst letztes Jahr gesehen, gingen Lachen und Neckereien gleich los. Wolfgang schaute mich nun mit anderen Augen an und ich ihn natürlich auch, was den Spaß noch viel prickelnder machte. Wir flirteten heftig miteinander und nicht nur das. Aber bitte verzeiht, wenn ich bezüglich dieser privaten Dinge lieber diskret bleiben möchte. Ja, es stimmt, ich liebte Wolfgang von ganzem Herzen; für ihn wäre ich durchs Feuer und bis ans Ende der Welt gegangen. Ob unserer Verliebtheit und Harmonie wurde in unseren Familien sogar schon von Heirat gesprochen, aber da gab es noch den abwesenden Onkel Leopold... Auf alle Fälle gehörten diese zwei Wochen zu den glücklichsten meines langen Lebens.

In den ersten Tagen seines Aufenthaltes war mein Vetter schrecklich beschäftigt mit Visiten bei Stadtpfleger von Langenmantel, einem alten Kommilitonen von Onkel Leopold und nun der wichtigste Herr im Stadtrat, dann bei dem berühmten Orgel- und Pianofortebauer Johann Andreas Stein, mit dem er viel Zeit beim Probespielen seiner verschiedenen Instrumente zubrachte. Oft begleitete mein Papa den Wolferl, während Tante Anna täglich zu uns kam und viele Stunden mit Mama verbrachte. Nach dem Eklat mit dem jungen Jakob von Langenmantel, der sich über den Päpstlichen Orden meines Cousins lustig gemacht hatte, fuhr mir der Schreck mächtig in die Glieder, denn Wolfgang war darüber derart wütend, dass er augenblicklich abreisen wollte. Zum Glück setzte sich Herr Stein massiv für sein Bleiben ein, und zusammen mit Musikdirektor Graf und dem ehrenwerten Herrn Gignoux organisierten sie doch noch das von den Patriziern aus "Geldmangel" abgesagte Konzert.

Herr Steins schönes Haus am Ulrichsplatz Am Freitag begleitete ich mon Cousin and ma chère Tante zu Herrn Valentin Gasser, einem jungen, gerade verwitweten Kaufmann, von dem wir charmanterweise zusammen mit dem Fürstbischöflichen Domkapellmeister Dr.Gerbl zum Mittagessen eingeladen wurden. Gesprächsthema Nummer Eins war natürlich das für den kommenden Mittwoch anberaumte Konzert. Nach Tisch sind wir alle hinüber in die Maximilianstraße zu Herrn Stein - auf dem Foto dessen schönes Haus - wo bereits Herr Schmidbauer, Organist an St.Ulrich wartete, um sogleich mit dem Musizieren zu beginnen. Ach, mein liebster Vetter berührte mein Herz mit seiner unbeschreiblich schönen Musik ganz, ganz tief.


Gleich am nächsten Morgen sind wir zum Stift Heilig Kreuz gegangen, zwischen dem "Weißen Lamm" und unserem Haus gelegen, denn ich wollte dem Wolferl unbedingt Pater Fortunat Schödl vorstellen, einen wirklich lustigen Vogel und nur wenig älter als er. Mittags speisten wir wieder bei Herrn Stein, auch Tante Anna war dabei; danach ging's gleich vis-à-vis hinüber zu St.Ulrich, wo sich Herr Vetter Kompositeur auf der Orgel vorspielen ließ, da seiner Meinung nach die Akustik von der Orgelempore aus nicht sehr gut sei. Anschließend reichte man uns im Gastzimmer einen Imbiss inklusive geistiger Getränke, was zur Folge hatte, dass Pater Aemilian Angermayr mich mit ziemlich weltlichen Blicken bedachte, was Wolfgang gar nicht gefiel. Ich jedoch machte mir eine Gaudi daraus. Wolfgang stieg natürlich sogleich ein, und als er bei einem angestimmten Kanon typischerweise kurzerhand den Text änderte und mit gedämpfter Stimme in mein Ohr sang: "Oh du Schwanz du, leck du mich im Arsch", mussten wir so lachen, bis uns der Bauch weh tat. Nur der arme Pater Aemilian kriegte nicht mit, dass wir uns auf seine Kosten amüsiert hatten.

Am nächsten Tag nach dem Hochamt in Heilig Kreuz, einer wie jeden Sonntag vollbesetzten Orchestermesse, und einer weiteren Probe bei Meister Stein - Wolfgang war entsetzt über das lausige Orchester - verbrachte mein Cousin den Rest des Tages bei den musikbegeisterten Augustiner Chorherren des Stiftes Heilig Kreuz, die ihn so recht in ihr Herz schlossen. Bis spät in die Nacht wurde musiziert. Zum Dank an seine neuen Freunde ließ Wolfgang dem Stift gleich einige seiner Werke zur Abschrift da, darunter das wunderbare Misericordias Domini, die Spatzenmesse und eine weitere Messe in F. Seinem Bäsle übertrug der Herr Vetter die ehrenvolle Aufgabe, für die korrekte Rücksendung der Autographen zu sorgen.

Das prächtig bemalte Fugger-Palais Mittwoch, 22.Oktober, 18.00 Uhr. Endlich war es soweit! Nach zwei weiteren Tagen intensiver Proben plus Werbung in Augsburgs "Staats- und Gelehrtenzeitung" durch Herrn von Zabuesnig, füllte sich nun der Saal im Fugger-Palais (hier links) mit etwa 200 Gästen, und mein Papa war Kassier! Alle, alle kamen, alle Freunde und Bekannten, natürlich auch die von Kurzenmantels und viele andere Stadthonoratioren. Ich platzte vor Stolz. Das Konzert war ein grandioser Erfolg! Ach, nie wieder in meinem Leben habe ich Wolfgangs Musik so hinreißend, so zärtlich und sanft, so leidenschaftlich vorgetragen gehört wie von ihrem Kompositeur selber. Mein Gott, wie liebte ich ihn in diesen Augenblicken! Er brannte mir seine Musik so tief in mein Herz hinein, ich habe mich niemals mehr davon erholt, und bis ans Ende meiner Tage liebte ich vor allem seine Klavierkonzerte. Aber auch seine Kirchenmusik. Unvergesslich blieb der Eindruck durch das Konzert für drei Pianoforte, das heute die Bezeichnung KV 242 (Lodron-Konzert) trägt. Herr Demler, mein Cousin und Herr Stein spielten einfach vollendet. Ja, ohne Zweifel, Wolfgang war ein Genie, und ich bedauerte von Herzen, dass ich ihm in sein Reich der Töne nie so recht zu folgen vermochte, auch wenn ich seine Musik liebte wie keine andere.

Das Konzertereignis wurde in der Zeitung in den höchsten Tönen gelobt, so dass Onkel Leopold gewiß zufrieden sein würde. Wegen der starken Erkältung, die sich Tante Anna bei dem frostigen Wetter geholt hatte, konnte sie die Einladung der Chorherren vom Hl.Kreuz zum Mittagessen nicht annehmen. Donnerstag und Freitag hatte ich Wolfgang großenteils für mich allein; ihm zu Gefallen kleidete ich mich am vorletzten Tag, dem Packtag, französisch, na, Ihr wisst schon - tiefes Dekolleté - und dies gefiel ihm nur allzu gut. Doch mit wehem Herzen sah ich seiner geplanten Abreise nach Mannheim entgegen.

Unser traurige Abschied als Zielscheibe Ja, er musste weiter, eine feste Anstellung finden und unser geheime Plan warten. Sonntag früh um 7.30 Uhr war es soweit, Herr Stein war auch gekommen. Einen geweihten Reisebuschen gab ich ihm mit auf den Weg und versuchte tapfer zu sein, aber meine Knie waren weich. Wir beide heulten Rotz und Wasser, schworen uns ewige Liebe und versprachen, einander Portraits zu schicken. Wann würden wir uns wiedersehen? Die Chorherren von Hl.Kreuz hatten ihn bereits für die Rückreise von Paris, seinem eventuellen Endziel, eingeladen. Was aber, wenn er für immer dort bliebe? Ich sollte schon mal auf alle Fälle Französisch lernen. Fürs Erste jedoch glaubte ich, dass die Sonne für mich nicht mehr scheinen würde, als die Kutsche durchs Wertachbrucker Tor verschwand.

Leider fand Onkel Leopold Gefallen daran, unsere Gefühle ins Lächerliche zu ziehen und ließ die bewegende Abschiedsszene schon bald als Zielscheibe für das in Salzburg beliebte Bölzlschießen malen.


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