München und Salzburg 1779

oder

"Kommen Sie gewiss, sonst ist ein Schiss"

Sofort begann eine rege, mit Codes und Geheimsprache gespickte Korrespondenz - denn unsere Eltern lasen ja mit - die heutzutage nur teilweise bekannt ist. Meine eigenen Briefe sind merkwürdigerweise komplett verschwunden. Oft lachte ich herzlich über sein Geschreibsel, manchmal weinte ich, weil er mir sehr fehlte. Dann wurden sie seltener, ich begann mir Sorgen zu machen. Ging es ihm gut? Sicher war er furchtbar beschäftigt. Mein Französisch machte Fortschritte, bloß wann sollte ich es anwenden? Immer nur auf der Post bei meinem Bekannten?

Im Sommer geschah etwas ganz Trauriges. Die liebe Tante Anna starb in Paris. Armer Wolfgang! Wie ich wünschte, bei ihm zu sein, um ihn trösten zu können. Zum Glück hieß es nun bald, er komme zurück. Leider war es ihm nicht möglich, direkt nach Augsburg zu reisen, doch in einem lieben, aber geheimnisvoll klingenden Brief lud er mich kurzerhand nach München ein. "Mein Engel, mein Herz, ich warte auf Sie mit Schmerz." schrieb er. Und schnell sollte ich kommen. Vermutlich sogar eine große Rolle spielen. Mon Dieu, unser Plan! Sollte mein Kleinmädchentraum am Ende wirklich wahr werden? Mein Herz jubelte.

Über meinen Freund bei der Post stand mir quasi immer ein Wagen zur Verfügung, und so war ich gleich in der ersten Januarwoche nach einer kurzen achtstündigen Fahrt in der Stadt. Vierzehn endlose Monate waren vergangen, kein Wunder also, wie stürmisch unser Wiedersehen ausfiel. Die Münchener Tage standen ganz im Zeichen von Romantik und Leidenschaft. Vor allem weit und breit keine Aufpasser. Natürlich begleitete ich Wolfgang auch zu verschiedenen offiziellen Besuchen. Ich erinnere mich zum Beispiel an Baron Götz. Aber er hatte sich verändert, und manchmal ertappte ich ihn mit einem traurigen Gesicht. Verständlich, seine Mama war ja tot, und darüber hinaus bedrückte ihn der Gedanke an die Rückkehr zu seinem Vater, insbesondere wegen seines Misserfolges in Paris. Salzburg im Winter, so wie ich es erlebte Vor allem aber die Aussicht, wieder für den verhassten Erzschufti arbeiten zu müssen, verursachte ihm einen Knoten im Bauch. Ja, ich weiß, was Ihr fragen wollt. Nein, von Aloysia hat er mir kein Wort erzählt. Davon habe ich erst zweieinhalb Jahre später erfahren, aber da war er schon in Wien. Doch soweit sind wir noch nicht. Also. Wir waren ein Herz und eine Seele, und Wolfgang wollte mich unbedingt mit nach Salzburg nehmen. Er hatte tatsächlich ernste Absichten; sein Vater und Nannerl sollten mich endlich richtig kennenlernen.Ich war glücklich, und so verließen wir München Mitte Januar zusammen mit dem Salzburger Kaufmann Herrn Gschwendtner, der auf uns ein ziemlich wachsames Auge hatte, während wir uns in der kalten Kutsche unter der Pelzdecke aneinanderkuschelten.

Noch nie in meinem Leben war ich so weit von zu Hause fort gewesen, und was für eine prächtige Stadt Salzburg war! So ganz anders als Augsburg. Da war die dominierende Festung, die Salzach mitten durch die Stadt und die herrlichen Berge im Süden. War sich Wolfgang der Schönheit seiner Heimatstadt überhaupt bewusst? Beinahe in Sichtweite der elterlichen Wohnung Schloss Mirabell und sein hübscher Garten - ja so etwas gab es daheim nicht. Und diese Wohnung, ja Heiligs Blechle! Das Tanzmeisterhaus - die Wohnung nahm die gesamte erste Etage ein So etwas hatte ich überhaupt noch nicht gesehen: acht Zimmer und ein riesiger Saal. Donnerwetter, Onkel Leopold, nicht kleckern sondern klotzen! Mein Onkel hatte für mich eins der beheizbaren vorderen Zimmer vorbereiten lassen, und sowohl er als auch Nannerl begrüßten uns herzlich.
Das Foto zeigt im Vordergrund das Wohnhaus meines Onkels, das Tanzmeisterhaus am Hannibalplatz, heute Markartplatz.

Abgesehen von den spannungsreichen ersten Tagen verlebte ich dort viele schöne Wochen. Es war behaglich, amüsant, abends wurde viel gespielt, Karten, Bölzlschießen und natürlich täglich musiziert - herrlich! Was für begnadete Musiker meine Verwandten doch waren. Nannerl, 27 Jahre alt und noch unverheiratet, führte den Haushalt und erteilte regelmäßig Klavierunterricht, nicht ohne jedoch allmorgendlich um 7.00 Uhr in die Frühmesse gegangen zu sein, wohin ich sie recht oft begleitete, denn diese Kirchgänge war ich ja auch von zu Hause gewohnt. Wolfgang zeigte mir seine Vaterstadt und stellte mich all seinen vielen Freunden und Bekannten vor - eine lustige Gesellschaft. Selbstverständlich wurde er sehr häufig zum Fürsterzbischof gerufen, mit dem er sogar zusammen musizierte, aber fast immer kam er dann schlecht gelaunt zurück. Er komponierte wenig in der ersten Zeit nach seiner Rückkehr. Dennoch durfte ich ihm einmal bei der Niederschrift einer Komposition Gesellschaft leisten. Zwei Tage vor meiner Abreise beendete er die sogenannte Krönungsmesse. Ich gestehe, da blieb mir die Spucke weg. Wie war es möglich, etwas so Komplexes wie Musik im Kopf fertig zu komponieren und beim Aufschreiben noch Unterhaltungen zu verfolgen?! Genial! Nie jedoch wurde mir deutlicher, wie fern mir seine eigentliche Welt, die Musik, wirklich war.

Es kam, wie es wohl kommen musste. Gewiss, Onkel Leopold hatte mich gern, aber für seinen Sohn wünschte er - wenn überhaupt - und zu diesem Zeitpunkt schon gar keine Ehefrau. Oh je, das tat höllisch weh! Und Wolfgang? Die Zeit für eine Auflehnung gegen den Vater war noch nicht gekommen. Angesichts der horrenden Schulden und seiner massiven Schuldgefühle wagte er daher keinen echten Widerspruch. Es brach uns beiden das Herz. Und somit verließ ich Salzburg Ende März vollkommen desillusioniert, unsagbar enttäuscht und krank vor Liebeskummer. Mein Mädchentraum war wie eine Seifenblase geplatzt. Wolfgang schrieb mir dann diesen Brief mit dem wunderschönen, wehmütigen Liebesgedicht - und noch immer kenne ich es auswendig - aber die vielen Adieus zeigten mir unmissverständlich die wahre Natur seines Schreibens.



© copyright 2001-2017 Susanne M. Scholze. All rights reserved.


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