Jugendjahre

Gebetbuch, vom meinem Vater gebunden und verlegt Der Alltag kehrte wieder ein, ich ging zur Schule, half meiner Mama fleissig in Haus und Garten, sowie bei den Einkäufen auf Augsburgs zahlreichen Märkten, wo ich die interessantesten und schönsten Dinge aus aller Welt zu sehen bekam. Oft schaute ich auch Papa bei der Arbeit zu. "Seine" Bücher waren wunderschön. Noch heute sehe ich die exakte Ordnung aller Materialien vor mir, die Papierpacken, Bücher in allen Stadien in zahlreichen Holzpressen, das verschlossene Schränkle mit dem Blattgold, sowie die Sauberkeit der Werkstatt und habe sogar den Geruch von Leim und Leder in der Nase. Ich liebte sein ruhiges und äußerst präzises Arbeiten mit seinen Händen. Als ich älter wurde, half ich gelegentlich, wenn der Geselle krank war, beim Heften, dem "Nähen" der Lagen, aus. Neben unendlich vielen geistlichen Werken für Kirchen und Klöster bekam er Produkte aller Art zu binden, denn Augsburg war voll kluger Leute und das 18. Jahrhundert ohnehin als ein geradezu lesewütiges bekannt. Sehr häufig übernahm ich die Botengänge und lieferte die fertigen Aufträge aus. Auf diese Weise lernte ich nicht nur viele Geistliche persönlich kennen, sondern auch die halbe Stadt. Naja, fast.
Hier seht Ihr die erste Seite eines Gebetbuches, gebunden und verlegt von meinem Papa.

In der freien Reichsstadt hielten sich über Jahrhunderte hinweg immer wieder berühmte Personen auf oder kamen zu Besuch, Kaiser, Päpste, Fürsten, Kriegsherren, Reformatoren, Die Ansicht Augsburgs aus der Vogelperspektive, Richtung Südosten Künstler und andere mitunter etwas zwiespältigen Rufes wie Signor Casanova. Und so traf eines Tages im April 1770 auch Kaiserin Maria Theresias Tochter, Erzherzogin Maria Antonia, auf dem Weg nach Paris zu ihrer Hochzeit in Augsburg ein. Mei, war das ein Spektakel! Herrlich, all diese Kutschen und schrecklich vornehmen Menschen. Nicht, dass dies für Augsburg etwas Neues gewesen wäre, aber ich war gerade einmal elf und kriegte vor Staunen den Mund nicht zu, zumal Frankreichs künftige Königin nur vier Jahre älter war.
Schaut mal, ist dies nicht eine spektakuläre Ansicht von Augsburg?! Seht Ihr links den Dom und rechts im Vordergrund das Stift Heilig Kreuz? Genau dazwischen war meine Heimat in der Jesuitengasse.

Im besten Backfischalter verbrachte ich auf Einladung von Monsieur und Madame Tavernier, guten Bekannten der Mozarts, einige Zeit bei ihnen in München, zur gesellschaftlichen Fortbildung sozusagen. Augsburg war zwar diesbezüglich alles andere als unterentwickelt, doch beherbergte München immerhin eine Universität und war nicht zuletzt die Residenz des Bayerischen Kurfürsten. Ich besuchte häufig Opern und Konzerte, ging ins Theater und lernte allerhand Leute kennen, von denen mir die jungen Kavaliere natürlich am besten gefielen. Mit dieser ersten Reise begann ich auch persönliche Kontakte zur Post zu knüpfen, die mir später sogar zu meinem Schwiegersohn verhalfen.



© copyright 2001-2017 Susanne M. Scholze. All rights reserved.
Erste Abbildung mit freundlicher Genehmigung des Brigg Verlages Augsburg

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