Ich werde Großmutter

Bei einem unserer zahlreichen Besuche auf dem Postamt - siehe Bild unten - muss es wohl zwischen Josepha und Streitel gefunkt haben. Mein Töchterlein und Augenstern, gerade achtzehn geworden, wollte heiraten. Dank des beträchtlichen Einflusses ihres Vaters bekam sie im Handumdrehen ihre Legitimation als Maria Josepha Berbier. Es war immer ein wunder Punkt für mich gewesen, dass mein Kind niemals den Namen Mozart tragen durfte, geschweige denn den ihres Vaters, sondern diesen lächerlichen Fantasienamen, den sich irgendein Pfaffe ausgedacht hatte. Ich hatte mir geschworen, dass meiner Tochter nicht das Gleiche passieren sollte wie mir. Sie war verliebt, nun gut, sollte sie in Gottes Namen heiraten. Am 31.Mai 1802 gaben sich die Brautleute in der Kirche von Heilig Kreuz das Ja-Wort.

Das Posthaus in Augsburg Mein Schwiegersohn Franz Joseph Streitel war mit 31 Jahren deutlich älter. Am 6.April 1771 als Sohn eines Oberförsters in Kallmünz bei Regensburg geboren, schlug er die Beamtenlaufbahn ein, kam 1789 nach Augsburg, wurde vier Jahre später ins Elsass versetzt, und kehrte als Offizial über Heidelberg und Regensburg zurück. Verglichen mit den bescheidenen 100 Gulden Heiratsgut für meine Cousine Katharina war Josepha durch die großzügige, 2.000 Gulden betragende Mitgift ihres Vaters eine ausgesprochen gute Partie, und so zog das junge Glück in die Klinkertorstraße 9. Schon sehr bald hieß es: Du wirst Großmama! Und nur zwei Tage vor ihrem neunzehnten Geburtstag schenkte Josepha am 20.Februar 1803 einem Buben das Leben, mein Enkelsohn Carl Joseph. Aber leider ereilte auch ihn das Schicksal allzu vieler Säuglinge. Das arme kleine Würmchen wurde gerade mal drei kurze Wochen alt. Mein armes Kind war todtraurig. Auf lange Sicht war dieser Schicksalsschlag allerdings härter als wir zunächst vermuteten, denn Josepha bekam keine weiteren Kinder mehr. War das gerecht? Ich selbst hatte vier Schwestern verloren, mein einziges, ausgerechnet uneheliches Kind blieb gesund und kräftig am Leben, während es selbst kinderlos bleiben sollte? So wurde ich mit 44 Jahren zwar Großmutter, war es aber dennoch nie wirklich.

Zwei Jahre darauf ereigneten sich für Augsburg gravierende Veränderungen: Napoleon kam, sah und siegte, die uralte Reichsstadt büßte ihren exklusiven Status ein und wurde Bayern zugeschlagen. Einfach so. Wir Augsburger waren darüber nicht so arg begeistert. Dafür durften wir horrende Summen nach Paris zahlen.

Meine zunehmend gebrechlicher werdende Mama und ich lebten unser stilles Leben, als am 19.April 1807 völlig unerwartet Josephas Vater, Franz von Reibeld, mit nur 55 Jahren an einer Halsentzündung starb. Wenige Jahre zuvor war er noch mit der Auszeichnung eines "Ritters des Königlich Bayerischen St.Michaelsordens" dekoriert worden. Der Mann, an dessen Seite das Schicksal mir den Platz verweigert hatte, hatte mich verlassen. Ich war erschüttert. Nun blieb mir nur noch die stille Zwiesprache an seinem Grab.

Nur ein Jahr später, am 6.April 1808, verließ mich 80-jährig auch meine liebe Mama. Nun war ich ganz allein. Doch Josepha und Streitel baten mich, zu ihnen zu ziehen, denn auch sie waren ja alleine. Ich packte meine Habseligkeiten, löste die vertraute Wohnung im Handwerkerquartier des St. Josephi-Seminars auf und begann ein neues Leben bei meinen Kindern.
Das Mozart-Streitel-Trio sollte von nun an für 32 Jahre zusammen leben.


© copyright 2001-2017 Susanne M. Scholze. All rights reserved.
Abbildung mit freundlicher Genehmigung der Presse-Druck- und Verlags-GmbH Augsburg

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