Besuch bei Mozarts Bäsle - Bayreuth

Bayreuth

Kaufbeuren ist heute eine geschäftige Stadt Mit Fünfzig begann mein neues Leben in der Klinkertorstraße 9, unweit der Jesuitengasse, das von nun an eng mit dem meiner Tochter verknüpft sein würde. Mit Streitels Karriere ging es peu à peu aufwärts. 1806 war er zum Ersten Postwagen-Expeditor befördert worden. Ende 1811 wurde er zum Postmeister nach Kaufbeuren bestellt, was bedeutete, dass ich meine Vaterstadt verlassen würde. Kaum etwas band mich noch an Augsburg; meine Familie waren meine Tochter und ihr Mann. Sollte ich etwa mutterseelenallein zurückbleiben? Der Abschied von meinen Verwandten fiel mir trotz allem nicht ganz leicht. Mit 53 Jahren stellte ich mich der Herausforderung, in einer anderen Stadt ein neues soziales Leben aufzubauen. Ja, ich war aufgeregt.


Salzmarkt 5 - hier wohnte ich zweieinhalb Jahre
Andere Stadt - was rede ich da? Mit 5000 Einwohnern war Kaufbeuren für mich kaum mehr als ein Dorf, und nach über einem halben Jahrhundert in der Handelsmetropole Augsburg kam ich mir vor wie auf einem anderen Stern. Die Menschen waren jedoch warmherzig, und so wurden die zweieinhalb Jahre am Salzmarkt doch noch recht angenehm, wenn auch ziemlich ruhig. Sogar so ruhig, dass ich gleich Anfang August 1812 die Gelegenheit nutzte, mit meinen Kindern und unserer lieben Nachbarin, Frau Konditormeister Schropp, zur feierlichen Beisetzung des letzten reichsstädtischen Fürstbischofs, Clemens Wenzeslaus, Wertach aufwärts nach Marktoberdorf zu fahren. Haha, da fällt mir Streitel wieder ein, der den größten Teil des Weges neben der Kutsche herlaufen musste, denn sie war für drei aufgeputzte Damen und einen Herren einfach zu klein. Zu komisch.


Im September 1814 kam Streitels Versetzung nach Bayreuth. Also dieser Schwiegersohn brachte wirklich eine gewisse Unruhe in mein Leben. In Windeseile packte ich meine Siebensachen, und mit Sack und Pack schaukelten wir nun tagelang meinem letzten Lebensabschnitt entgegen, wobei ich das allerletzte Mal meine Vaterstadt sah. Ansicht Bayreuth In die sanfte, fränkische Hügellandschaft östlich der Fränkischen Schweiz gebettet, nahm Bayreuth - links - mich rasch für sich ein. Ein reizendes Städtchen, die Häuser barock gedrungen, so vollkommen anders als die stolzen, steil aufragenden Renaissance-Bauten Augsburgs mit ihren kostbar bemalten Fassaden. Zwei Schlösser beherbergte diese ehemals Markgräfliche Residenzstadt und das seinerzeit weltweit größte und prächtigste Opernhaus, erbaut von Wilhelmine, der Lieblingsschwester des Alten Fritz, die hier noch vor wenigen Jahrzehnten residiert und gewirkt hatte. Das hätte Wolfgang gefallen, hier hätte er bestimmt gerne eine seine Opern aufgeführt. Aber leider wurde dieses prunkvolle Opernhaus nur noch äußerst selten genutzt. Man erzählte mir zwar, dass bereits 1786 Le Nozze in Bayreuth aufgeführt worden sei und 1794 die Zauberflöte. Aber seit dem Tod des letzten Markgrafen befand sich die ganze Stadt im kulturellen Dornröschenschlaf. Ein gewisser Herr Wagner und auch Franz Liszt sollten erst lange nach mir kommen. Dafür sah ich den Dichter Jean Paul ziemlich oft, der gleich um die Ecke wohnte.

Die Bayreuther waren sehr zuvorkommend und behandelten mich respektvoll, denn hier kannte niemand meine Geschichte, und mein Ruf als Cousine des großen Mozart war unbescholten. Welche Wohltat! Die Sympathie war gegenseitig, und meine letzten 26 Jahre lebte ich hier sehr gerne. Mein Zuhause, die Alte Postei, wo ich 26 Jahre lebte und starb Streitels Dienstwohnung in der Postei an der Friedrichstraße - siehe Foto - direkt am Gymnasiumsplatz war angenehm geräumig. Gleich unter uns befanden sich die Diensträume samt Postwagendurchfahrt, im Innenhof die Remise und ein Dutzend Ställe. Geschirrgerassel und Hufgetrappel wurden zu einem festen Bestandteil meines Alltages. Schon bald mieteten wir uns einen hübschen Garten am Sendelbach wenige Minuten entfernt hinter dem Gymnasium, den ich sehr liebte, und wo ich viel Zeit verbrachte. Regelmäßig machten wir auch unsere Promenade durch den nahen Hofgarten des Neuen Schlosses, der besonders zur Herbstzeit wunderschön war. Viel Freude bereitete mir jeden Tag das lebhafte Treiben vor der Postei insbesondere zur Mittagszeit, wenn die Schulbuben lärmend nach Hause stürmten. Wie schade, dass keines dieser Kinder ein Enkel von mir war.

Streitel, ein überaus diensteifriger Mann, beschäftigte sich unausgesetzt mit Tüfteleien für technische Verbesserungen im Postwesen wie beispielsweise elastische Vorspannketten für Postkutschen, wofür er sehr großzügig unsere Geldreserven bemühte, aber leider keine Anerkennung durch die vorgesetzte Behörde erhielt. Trotz freier Wohnung und einem stattlichen Gehalt kam er irgendwie auf keinen grünen Zweig. Seine fast alljährlichen Badekuren halfen da auch wenig weiter. Unser gesellschaftliches Leben nahm einen ruhigen, biedermeierlichen Verlauf, wobei der Kontakt zu Thurn- und Taxis-Postlern zwangsläufig ziemlich ausgeprägt war. Josepha wurde zweimal zur Gevatterin gebeten, was natürlich traurige Erinnerungen hervorrief. Ich selbst vermisste nichts, nur Wolfgangs Musik fehlte mir sehr.


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