1841

D ie Jahre krochen dahin, ich wurde immer kleiner und schwächer. Könnt Ihr Euch Mozarts Bäsle-Häsle als altes, verhutzeltes Mütterchen vorstellen? Tja, aber genau so war es. Ende der Dreissiger Jahre hatte Streitel uns mit seinen Glembemberlesgschäften praktisch ruiniert. Dieser ... dieser ... Granadedibbl machte mich ganz narrisch! Nun wurde es langsam Zeit für mich zu gehen. Im Herbst 1840 konnte ich dann mein Bett kaum noch verlassen, ich kam einfach nicht mehr auf die Beine. Josepha, selbst schon krank, war rührend um mich besorgt und pflegte mich liebevoll. Wir beide waren bis auf sechs kurze Jahre immer zusammengewesen. Nun aber ging es einfach nicht mehr, meine Zeit war abgelaufen, und was für eine Zeit war das gewesen! 82 Jahre alt bin ich geworden, nicht schlecht, was? Ich dankte Gott für meine Tochter und die Liebe und Verbundenheit zwischen uns, bekannte aber auch den Groll, den ich ihrer Existenz anfangs zuweilen entgegengebracht hatte. Am 25.Januar 1841 kam der Pfarrer ins Haus und versah mich mit den Sakramenten. Kurz nach dem Mittagsläuten schlief ich, noch mit dem Klang der Glocken in den Ohren, friedlich ein.

Das einzige Portrait meines geliebten Cousins, das ich je besaß Zwei Tage später wäre der 85.Geburtstag meines lieben Cousins gewesen, dessen Ruhm mittlerweile ungeahnte Ausmaße angenommen hatte. In Salzburg war sogar ein Verein ihm und seinem Werk zu Ehren gegründet worden. Ob ihm das gefallen hätte? Ich glaube, im Gegensatz zu seinem Vater, der sicher höchst zufrieden gewesen wäre, hätte er nur herzlich gelacht. Wolfgang -- den ich um knapp 50 Jahre überlebte, aber niemals vergessen und auch nie aufgehört hatte zu lieben, dessen kleines Portrait ich bis zum Schluss wie einen Schatz gehütet hatte ... Am 28. Januar wurde meine sterbliche Hülle auf dem Stadtfriedhof in der Nähe der Kapelle bestattet. Josepha hatte die Grabstelle für 60 Jahre angekauft und ließ einen künstlerisch wertvoll geschmückten Stein fertigen.

Sie selbst sollte nur noch ein einziges weiteres Jahr leben. Am 6.April 1842, ausgerechnet am 71.Geburtstag ihres Mannes, folgte sie mir und verstarb an Brust- und Bauchwassersucht, gerade einmal 58 Jahre alt. Ein früher Tod, gerade so wie ihr Vater, dem sie ohnehin sehr ähnlich gewesen war. Mein Kind wurde ganz in meiner Nähe begraben. Streitel, zunehmend geistig verwirrt, wurde kurz darauf in Ruhestand versetzt und verließ Bayreuth, das ihm kein Glück gebracht hatte. Mit Schulden beladen kehrte er in seine Heimat nach Regensburg zurück, wo er am 5.Juni 1854 im Alter von 83 Jahren starb.


© copyright 2001-2017 Susanne M. Scholze. All rights reserved

Abbildung mit freundlicher Genehmigung des Brigg Verlages Augsburg

zurück Home vor




.